tl;dr Nein, es gibt gute Stoffscheren für 10 bis 20 Euro. Unter der Bedingung, dass man sich etwa 2 Wochen gedulden kann, bis sie bei einem ankommt. Der Link zur Schere meiner Wahl steht am Ende des Textes. P.S.: Für kleine Hände empfiehlt es sich, nicht die größte Schere zu kaufen.
Wahrscheinlich bin ich nicht der Einzige, der zu Beginn meiner Beschäftigung mit dem Thema Nähen auf eine Stoffschere aus einem dieser vielen Nähsets zurückgegriffen hat. Und für den Anfang ist das auch in Ordnung. Sobald man sich aber an grössere Projekte und schwerere Stoffe wagt, stößt man an die Grenzen dieser Stoffscheren. Es stellt sich also die Frage, welche Schere man kaufen, und wieviel Geld man dafür ausgeben soll. Häufig liest man, dass es keine günstigen, guten Stoffscheren gibt. In Foren häufig garniert mit wenig hilfreichen Sprüchen der Sorte „Wer billig kauft, kauft zweimal“. Nun wollte ich zu Beginn nicht gleich eine hohe zweistellige bis niedrige dreistellige Summe für eine Schneiderschere ausgeben. Meine erste Ausweichlösung war der Kauf einer gebrauchten Schere.
Ich suche also auf ebay eine gebrauchte Schneiderschere eines deutschen Herstellers, bestelle und hoffe auf das Beste. Leider stellte sich die Schere als deutlich kleiner heraus, als ich erwartet habe. Was soll ich sagen… Auf dem Bild sah es größer aus. Das war ärgerlich. Wirklich problematisch war aber, dass jemand schon versucht hatte, die Schere nachzuschärfen und die Stoffschere damit vollkommen ruiniert hat. Ein Hinweis dazu: Scheren aller Art, auch Stoffscheren werden nur auf einer Flanke der Klinge -der Äußeren- nachgeschärft. Bearbeitet man beide Seiten, ist die Schere mit hoher Gewissheit ein Fall für den Schrott.
Das war also ein Reinfall. Allerdings ergab sich zeitgleich, dass ich eine kleine (~10cm Klingenlänge). Die war nicht perfekt, aber deutlich besser als die Schere aus dem schon erwähnten Nähset. Und sogar etwas größer. Genug um erste Versuche zum Nähen von Kleidungsstücken anzustellen.
Ich komme gleich auf die Grenzen und Probleme mit dieser Schere zu sprechen, möchte aber trotzdem jeden und jede ermutigen es einmal mit einer dieser alten Stoffscheren zu versuchen. Oft liegt bei den Großeltern noch etwas derartiges im Schrank. Besonders für erste Versuche mit leichten Stoffen sind diese Stoffscheren noch gut zu gebrauchen. Der Kauf einer neuen Schneiderschere lässt sich auf diese Art und weise so weit hinauszögern, bis man sicher ist, dass man Freude am Nähen hat.
Worauf es bei einer Schneiderschere ankommt (es ist nicht der Preis)
Kommen wir zu den Grenzen dieser alten, kleinen Stoffschere. Ein Problem ist natürlich, dass die perfekte Schärfe besitzt. Aber das ließe sich durch Nachschärfen natürlich verbessern. Ein anderes Problem ist, dass das die Schere etwas lose ist. Auch das lässt sich durch sorgfältiges nachstellen der Gelenkschraube beheben.
Das eigentliche Problem der alten, kleinen Stoffschere von den Großeltern ist, dass sie nicht solide, nicht massiv genug ist. Die meisten werden es schonmal erlebt haben, man schneidet Stoff, und je weiter sich die Stoffschere beim Schneiden schließt, desto häufiger passiert es, dass die Blätter der Schere auseinander gedrückt werden. Der Stoff klemmt zwischen den Scherenklingen und der Schnitt franst aus, während man seine liebe Mühe hat, die Stoffschere wieder zu öffnen.
Die unwillkürliche Reaktion darauf ist, die Schere lediglich mit kleinen Schnitten -nah am Gelenk der Schere- durch den Stoff zu bewegen. Stoff auf diese Art zu schneiden ist nicht nur nervig und langsam, es sorgt auch für ungleichmäßige Schnittkanten. Das nimmt nicht nur die Freude am Nähen, es macht auch im weiteren Verlauf eines Nähprojekts Probleme.
Schnittkanten dienen oft als Referenz für Nähte. Orientiert man sich beim Nähen an der Nähmaschie an einer geraden, sauberen Schnittkante, ist es deutlich einfacher eine perfekte gerade naht zu produzieren. Eine unsaubere Schnittkante schafft dagegen nur Unsicherheit. Besonders, wenn zu Beginn noch die Uebung im Umgang mit der Nähmaschine fehlt und man tendenziell damit überfordert ist, gerade Nähte zu produzieren, sind unsaubere Schnittkanten eine zusätzliche und unnötige Erschwernis.
Massive Stoffscheren schneiden schwere Stoffe besser
Eine für mich elementare Erkenntnis bei der Suche nach einer adequaten Schneiderschere war, dass es durchaus darauf ankommt, wie massiv die Schere ausgelegt ist. Die Klingenrücken der Stoffschere meiner Wahl sind sind bis kurz vor der Spitze der Schere nie dünner als 5mm. Das führt dazu, dass ich selbst bei mehreren Lagen sehr schweren Canvas-Stoffes Schnitte vom Gelenk bis zur Spitze der Schere führen kann. Die beiden Scherenklingen biegen sich nie auseinander und klemmen den Stoff ein.
Gute Schneiderscheren sind hohlgeschliffen
Wenn man hochwertige Stoffscheren genau betrachtet, fällt auf, dass sich die beiden Klingen der Schere nur an einem einzigen Punkt berühren. Das dient ebenfalls dazu, unter allen Umständen ein Einklemmen des Stoffes zu vermeiden und die gesamte aufgewandte Kraft am Schnittpunkt der Scherenklingen zu konzentrieren.
Hat man das verstanden, wird auch klar, weshalb es so verheehrend ist, die Scherenklingen wie ein Messer zu schleifen, wie es bei meinem Gebrauchtkauf geschehen ist. Der Hohlschliff der Schere wird zerstört. Der Kontakt der beiden Klingen findet nun nicht mehr an der Schneide statt, sondern irgendwo auf der Innenseite des Klingenblattes. Versucht man damit Stoff zu schneiden, wird dieser unweigerlich eingeklemmt.
Auf die Geometrie kommt es an: Schnittmuster ausschneiden
Kommt man bei einem Nähprojekt an den Punkt, an dem die Schnittmuster auf den Stoff übertragen sind und da ausschneiden des Stoffes ansteht, macht sich eine weitere Eigenschaft guter Schneiderscheren bemerkbar. Die Form. Eine gute Schneiderschere solle es ermöglichen, das untere Scherenblatt unter dem Stoff und flach auf dem Tisch entlangzuführen.
Der Grund ist simpel: Beim Ausschneiden der Schnitte folgt man Geraden und Kurven in einer Ebene. Das ist anspruchsvoll genug und bietet reichlich Raum für Fehler. Macht es die Form der Stoffschere nun aber notwendig den Stoff beim Schneiden immer wieder anzuheben, wird aus der Ebene in zwei Dimensionen eine Gestalt in drei Dimensionen. Geraden werden zu Kurven und Kurven erhalten eine Biegung in einer weiteren Dimension. Noch schlimmer wird es, wenn nicht nur eine, sondern mehrere Lagen Stoff gleichzeitig ausgeschnitten werden sollen. Zu gewährleisten, dass sich diese Stofflagen nicht voneinander lösen ist bestenfalls nervenaufreibend und schlimmstenfalls nicht wirklich machbar. Besonders, wenn ohnehin die Routine beim Schneiden fehlt.
Was ich sagen möchte, ist nicht, dass es unmöglich ist, mit einer schlecht geformten Schere gute Schnitte zu erzeugen. Aber eine ungünstig geformte Stoffschere vergrößert den Raum für Fehler unnötig stark.
8″, 10″ oder 12″: Wie groß sollte eine Schneiderschere sein?
Die Länge einer Stoffschere wird üblicherweise in Zoll angegeben. Im metrischen System stellt sich also die Frage nach einer Scherenlänge von 20, 25 oder 30 Zentimetern.
Für den Fall, dass man davon ausgeht, nur über eine einzige Stoffschere zu verfügen, ist es in meinen Augen immer besser, die längste Stoffschere zu nehmen, derer man habhaft werden kann. Eine lange Schere macht es in meinen Augen schlicht einfacher lange Schnitte wirklich gerade auszufüheren.
Nun ist es allerdings so, dass einem die längste Stoffschere nichts nützt, wenn man sie nicht öffnen kann. Anders ausgedrückt: wenn die eigenen Hände nicht groß genug sind, um die Schere ganz zu öffnen, kann man sich die lange Schere auch sparen und gleich zu einem kürzerem Modell greifen. Kürzere Schneiderscheren sind sowohl leichter, als auch etwas günstiger. Mit durchscnittlichen Händen macht man mit 10″/25cm eigentlich nichts falsch. 12″/30cm ist schon sehr gross und schwer. Dessen sollte man sich zumindest bewusst sein.
Woher nehmen?
Wenn man sich fragt, woher man nun eine günstige Stoffschere bekommt, so ist die Antwort die gleiche, wie die auf die Frage, woher man günsitge Kleidung bekommt. Aus Asien. „Made in China“ gilt in grossen Teilen der Welt schon lange als Qualitätssiegel. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch europäische Gesellschaften die eigene Ueberheblichkeit ablegen und dieses Faktum anerkennen. Bis dahin bleibt es wohl dabei, dass viele Menschen überteürte Produkte von europäischen Herstellern kaufen, die sich qualitativ in den letzten Jahrzehnten oft eher verschlechtert oder stagniert haben.
Die Art und Weise auf die man qualitativ hochwertige Produkte aus China kauft, ist denkbar naheliegend. Man kauft nicht die allerbilligsten Angebote. Es ist ohne weiteres möglich, eine Schere für 3 Euro zu kaufen. Aber ist das wirklich eine gute Idee, wenn die teürsten Scheren bei etwa 30 Euro liegen?
In meinen Augen macht es deutlich mehr Sinn etwa 20 Euro auszugeben. So befinde ich mich wahrscheinlich qualiativ am oberen Ende dessen, was der asiatische Kontinent zu bieten hat.
Meine Wahl
Nach einiger Suche habe ich einen Hersteller gefunden, dessen Schneidwerkzeuge durch die Bank am oberen Ende anzusiedeln sind. Hier in Deutschland vollkommen unbekannt, findet man nur vereinzelt importierte Stoffscheren dieses Herstellers auf den üblichen Plattformen.
Letztendlich habe ich mich dafür entschieden eine schwere 12″-Stoffschere über Aliexpress zu kaufen. Den Link zum entsprechenden Angebot habe ich unten angefügt.
Die Schere war nach nichteinmal 14 Tagen bei mir. Von Werk aus war die Schere mit einer dünnen Schicht Oel bedeckt. Diese dient zur Rostvermeidung im Lager und lässt sich leicht abwischen.
Link zum Angebot auf Aliexpress
Bei den obigen Links handelt es sich um sogenannte Affiliatelinks. Wenn ihr darüber etwas kauft, bekomme ich eine kleine Provision. Für euch entstehen dabei keine Mehrkosten. Das hilft dem Betrieb dieser Seite. Danke 🙂